Liebe Gemeinde!

Auf einer Wanderung stolperte ein Mann. Er rutschte über den Rand eines Abgrunds. Gerade noch konnte er sich an einem Ast festklammern. Der ragte aus dem Abhang hervor. Hinaufzuklettern schaffte er nicht. Unter ihm lauerte der sichere Tod. Allmählich ging dem Mann die Kraft aus. Verzweifelt schrie er: „Hilfe! Ist da oben jemand?“ Zu seinem Erstaunen antwortete eine dröhnende Stimme: „Ich bin da! Ich bin Gott! Ich werde dir helfen!“ „Dann wirf ein Seil herunter!“, kreischte der Mann. „Ich habe kein Seil“, entgegnete Gott. „Aber ich kann dir helfen, wenn du mir vertraust!“

Mittlerweile konnte sich der Mann kaum noch halten. „Ich vertraue Dir“, brüllte er. „Dann lass den Ast los!“ So erklang von oben Gottes Stimme. Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Dann brüllte der Mann: „Ist sonst noch jemand dort oben?“

Die Antwort auf diese Frage lautet: „Nein!“ Gott ist unsere einzige Hoffnung. Das zeigt uns Ostern.

Damals, am dritten Tag nach der Kreuzigung, machten sich die Frauen auf zum Grab Jesu. Sie fühlten sich wie unser abgestürzter Mann. Sie waren ängstlich und völlig entmutigt. Von Osterfreude keine Spur!

Als die Frauen am Grab anlangen, fallen sie in ein noch tieferes Loch. Sie sehen die Grabeshöhle offen! Zitternd gehen sie hinein. Drinnen erblicken sie nur einen weiß gekleideten jungen Mann. Da überkommt die Frauen keine Osterfreude, was wir vielleicht erwarten würden. Sie hatten schlicht und einfach eine große Osterangst!  „Sie entsetzten sich“, heißt es im Osterevangelium des Markus. Sie übermannte ein Riesenschreck!

Plötzlich spricht der Engel sie an:

„Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.“

Und – bricht jetzt endlich die Osterfreude durch? Nichts da! Ihre Osterangst wird eher noch größer. Wir lesen in der Bibel:

„Sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.“

Entsetzen, Flucht, Zittern, Furcht – das kennen wir alle. Das fühlen viele angesichts der Corona-Krise. Und genau das war zunächst die Osterstimmung der Frauen! Weder der Anblick des leeren Grabes noch die Botschaft des Engels konnten daran etwas ändern. Das Osterevangelium nach Markus ist und bleibt eine Geschichte, die so gar nichts von Osterfreude an sich hat.

Aber die Frauen haben sich schließlich gefangen und doch noch gefreut. Und sie wurden auch wieder mutig. So berichten sie den Jüngern: „Jesus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Was diesen Stimmungsumschwung ausgelöst hat, diese Frage beantwortet Markus nicht. Das tut Matthäus. Im letzten Kapitel des Matthäus-Evangeliums erfahren wir nämlich: Die Frauen sind bei ihrer panischen Flucht vom Grab plötzlich Jesus selbst in die Arme gelaufen. Ja, sie begegnen dem Auferstandenen persönlich. Und endlich stellt sich die Osterfreude ein. Hier finden wir die rechte Quelle für Osterfreude. Schönes Wetter und ein langes Wochenende können natürlich gute Laune machen. Witze und Späße können ein Lachen entlocken, selbst in diesen Tagen. Doch die richtige Osterfreude kommt bloß aus der persönlichen Begegnung mit dem auferstandenen Herrn Jesus Christus. Das galt damals für die Frauen! Das gilt heute für uns! Selbst wenn ich wie ein Engel reden könnte, so würden diese Worte nichts bewirken, wenn ihr nicht den lebendigen Herrn Jesus Christus in euer Herz hineinlasst.

O.k., es mag euch vielleicht im Kopf klar sein, dass Jesus für eure Sünden am Kreuz sterben musste und dass er mit seiner Auferstehung den Tod besiegt hat. Leider wird euch auch das keine echte Osterfreude bringen, falls ihr nicht Jesus selbst begegnet. Deshalb lade ich euch ein, unserem Heiland gerade in den schwierigsten Lebenslagen zu vertrauen. Ich weiß: Oft sind wir noch nicht bereit dazu. Stattdessen klammern wir uns wie der abgestürzte Mann an etwas, das uns nicht wirklich helfen kann. Wir haben ja meistens unseren eigenen Rettungsplan im Kopf. Obwohl wir uns kaum noch halten können und der Ast schwach ist, klammern wir uns deprimiert daran fest. Willst du allerdings nicht an deinem Leben und an dieser Krisensituation scheitern, denke an den ersten Ostermorgen und befolgte diesen Rat:

„Verlass dich nicht auf deine eigene Urteilskraft, sondern vertraue voll und ganz dem Herrn! Denke bei jedem Schritt an ihn; er zeigt dir den richtigen Weg und krönt dein Handeln mit Erfolg.“ (Sprüche 3,5-6)

Denn nun ist er ja persönlich da, der Heiland, der uns versprochen hat:

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“.

Er rührt dich an mit seinem Segen. Er hört dir beim Beten zu. Und das zu wissen ist die wahre Osterfreude. Es ist eine tiefe Osterfreude, die unsere Welt nicht hergibt und die uns selbst der Corona-Virus mit all seinen Folgen nicht mehr wegnehmen kann. Es ist eine „Freude in allem Leide“, die selbst dann noch in deinem Herzen weiterlebt, wenn du heute aus irgendeinem Grunde keine gute Laune mehr hast.

Nun wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Wolf-Dieter Weber, Pfarrer.