Predigt als pdf: Hebräer-1312-14-Judica-II

In Zeiten des Corona-Virus haben wir uns als Kirchengemeinde Karlsdorf-Neuthard-Forst entschieden, unsere Gottesdienste bis auf weiteres auszusetzen. Dennoch wollen wir Ihnen die Möglichkeit geben, auf das Predigtwort zum Sonntag zu hören. Dafür wird uns Pfarrer Jörg Muhm aus den Kirchengemeinden Heidelsheim und Helmsheim seine digitalen Predigten zur Verfügung stellen. Eine Aufnahme der Predigt finden Sie im Internet: www.ekg-heidelsheim.de oder www.ekg-helmsheim.de, auf https://www.youtube.com/channel/UC-0pPS8BrOIstBjZtHeR9qg oder auf Spotify unter „Predigten Jörg Muhm“


Liebe Gemeinde,
Der Predigttext für den diesjährigen Sonntag Judica steht im Hebräerbrief, Kapitel 13, die Verse 12-14. Ich lese ihnen die Worte vor:

12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Soweit der Worte aus dem Hebräerbrief.

Im 19. Jahrhundert lebte in Polen ein bekannter jüdischer Rabbi mit Namen Hofetz Chaim. Zu ihm kam eines Tages ein Besucher, um einen Rat von ihm zu erbitten. Als der Mann in die Wohnung des Rabbi kam, sah er, dass die Wohnung des Rabbi aus einem winzigen Zimmer bestand. Darin war lediglich eine Bank, ein Tisch mit Stuhl und viele Bücher. Da fragte er den Rabbi verwundert: „Meister, wo haben Sie Ihre Möbel und den Hausrat?” Da erwiderte der Rabbi: „Wo haben Sie denn Ihre?”, „Meine?”, fragte der verblüffte Fremde, „ich bin doch nur zu Besuch hier. Ich bin doch nur auf der Durchreise!” Da meinte Hofetz Chaim: „Sehen Sie: Ich auch!”

Unser Leben ist eine wunderbare Reise. Doch eigentlich sind wir nur auf der Durchreise. Auf dieser Reise beschweren wir uns mit so viel unnützem Ballast. Aber von all den Reichtümern werden wir nichts mit hinübernehmen, wenn wir einmal sterben müssen. Sie machen zwar vielleicht unser Leben hier angenehmer, vielleicht tun sie das aber auch nicht: Denn jeder Reichtum muss auch verwaltet werden und bedeutet Arbeit, Arbeit aber braucht Zeit und unsere Lebenszeit ist kostbar.

Sir Peter Ustinov, ein berühmter britischer Schauspieler, hatte einen tiefsinnigen Humor. Er soll einmal gesagt haben: „Es macht wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein.“ Da hat er Recht. Denn nackt sind wir in diese Welt gekommen und nackt werden wir wieder von ihr gehen, auch wenn wir unsere Toten noch einmal schön einkleiden, bevor wir sie bestatten.

Der heutige Predigttext zeigt uns diese Begrenztheit unseres Lebens auf: Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. (Hebräer 13,14)

Für den Verfasser des Hebräerbriefes war dieser Satz die Begründung für die Loslösung der frühen christlichen Gemeinde aus der jüdischen Gemeinde. Die ersten Christen waren zumeist Juden. Die erste christliche Gemeinde entstand in Jerusalem. Aber von Anfang hat waren sich Juden und Christen einander Feind. Zuerst verfolgten Juden die Christen, das lesen wir schon in der Apostelgeschichte. Dann, v.a. nach der Konstantinischen Wende, war es über viele Jahrhunderte meist anders herum. Bis es zum Holocaust kam, dem traurigen Höhepunkt der Entwicklung. Dadurch setzte ein Umdenken ein, auch in der christlichen Theologie. Seitdem begreifen wir uns Christen wieder als den Zweig, der in den Stamm des Judentums eingepfropft ist. Juden und Christen begegnen sich mit Wertschätzung und Respekt.

Durch die Verfolgung der Christen in der Anfangszeit war die christliche Gemeinde vor eine schwere Entscheidung gestellt. Sollten sie weiter in der jüdischen Gemeinde ihren Glauben leben als diejenigen, die in Jesus den Christus, erkannt hatten. Oder sollten sie die jüdische Gemeinde verlassen und eine eigene Gemeinschaft gründen. Für den Verfasser des Hebräerbriefes war der zweite Weg der richtige: So lasst uns nun zu Jesus Christus hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. So schreibt er. Und er meint damit: So wie Jesus von Römern und Juden vor den Toren Jerusalems aus ihrer Gemeinschaft verbannt und hingerichtet wurde, so soll auch die christliche Gemeinde das Lager des jüdischen Kultus verlassen. Und er begründet es damit: Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Weil wir eh nur auf der Durchreise sind, darum müssen wir nicht an Irdischem festhalten. Unsere wahre Heimat ist im Himmel. Das Wissen um die eigene Endlichkeit und die Hoffnung auf den Himmel, die können uns helfen, so manchen Balast unseres Lebens loszuwerden.

Ich bewundere Menschen, die es schaffen, so ganz einfach zu leben. Es gibt Menschen, die brauchen kein Auto, keine große Wohnung, keinen teuren Urlaub. Sie sind einfach glücklich zuhause, mit einem kleinen Gärtchen und mit ihrer Familie. Sie brauchen keine noble und chice Kleidung, sondern begnügen sich mit wenigem. Ich habe einen katholischen Kollegen kennen gelernt. Als der die Gemeinde wechselte, passte sein ganzer Hausstand in seinen Toyota Yaris. Das ginge schon wegen meiner großen Familie nicht. Aber trotzdem habe ich das bewundert.

Ich muss Ihnen gestehen: Mein Leben ist viel zu voll. Es gibt viel zu viel, was meinen Alltag bestimmt und mein Leben unnötig kompliziert macht. Und es fällt mir so schwer, mich von etwas zu trennen. Dabei sagt doch eine alte Weisheit: Weniger ist mehr! Dann können wir das wenige genießen und haben mehr Zeit für die Familie und das, was wirklich wichtig ist im Leben.

Ich möchte heute mit Ihnen einen praktischen Selbstversuch machen. Vielleicht machen Sie ja mit? Trennen wir uns im Lauf der nächsten Woche einfach einmal von irgendeiner einer Sache, die unseren Alltag beschwert. Vielleicht ist es ein Kleidungsstück, das ich schon tausendmal in der Hand hatte, aber schon Jahre nicht mehr trug. Vielleicht sind es einige Bücher, die bei mir eigentlich nur zur Zierde herumstehen oder schon lange gelesen wurden. Vielleicht ist es auch ein unnötiges Fahrrad, das nur im Weg rumsteht, oder vielleicht etwas ganz anderes. Und dann schauen wir mal, wie es uns damit geht.

Machen Sie mit?

Jetzt muss ich mir aber gut überlegen, was ich loswerden will. Ich werde es Ihnen dann in meiner nächsten Predigt verraten.

Schließen möchte ich mit einem Gebet, das von Johann Amos Comenius stammt. Er lebte im 17. Jahrhundert in Tschechien und war Philosoph, evangelischer Theologe und Pädagoge. Er betete:

„Ich danke meinem Gott, der gewollt hat,

dass ich zeitlebens ein Mensch der Sehnsucht sein sollte. Ich preise dich, meinen Erretter,

dass du mir auf der Erde kein Vaterland und keine Wohnung gegeben hast. Du hast mich vor der Torheit bewahrt, das Zufällige für das Wesentliche, den Weg für das Ziel, das Streben für die Ruhe,

die Herberge für die Wohnung und die Wanderschaft für das Vaterland zu halten.”

 

Ich wünsche Ihnen allen Gottes Segen! Ihr Pfarrer Jörg Muhm