In Zeiten des Corona-Virus haben wir uns als Kirchengemeinde Karlsdorf-Neuthard-Forst entschieden, unsere Gottesdienste bis auf weiteres auszusetzen. Dennoch wollen wir Ihnen die Möglichkeit geben, auf das Predigtwort zum Sonntag zu hören. Dafür wird uns Pfarrer Jörg Muhm aus den Kirchengemeinden Heidelsheim und Helmsheim seine digitalen Predigten zur Verfügung stellen. Eine Aufnahme der Predigt finden Sie im Internet: www.ekg-heidelsheim.de oder www.ekg-helmsheim.de, auf https://www.youtube.com/channel/UC-0pPS8BrOIstBjZtHeR9qg oder auf Spotify unter „Predigten Jörg Muhm“


Als pdf zum Ausdrucken: Jesaja 40,26-31 Quasimodogeniti II

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Eine Video-Aufnahme der Predigt finden Sie im Internet unter www.ekg-heidelsheim.de oder www.ekg-helmsheim.de und auf www.youtube.de unter dem Suchwort „Jörg Muhm“. Eine Hör-Version unter dem Streaming-Dienst spotify als podcast, Suchwort: Jörg Muhm, und als Telefonandacht unter 07251-3800799.

Ich begrüße Sie ganz herzlich und wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Der heutige Sonntag hat den Titel Quasimodogeniti. Das heißt zu Deutsch: Wie die kleinen Kindlein. Wer aus dem Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn, Jesus Christus, von neuem geboren ist, der ist wie ein kleines neugeborenes Kindlein. Weil Jesus auferstanden ist, darum fängt Gott mit uns neu an.

Der heutige Predigttext macht dies auf seine Weise deutlich. Er steht im Prophetenbuch des Jesaja. Jesaja wusste noch nichts von Jesus Christus und dem, was am Karfreitag und Ostersonntag passieren würde. Aber auch er hatte schon die Erfahrung gemacht, dass mit Gott immer wieder Neues in unser Leben hineinkommen kann. Hören wir auf die Worte des Jesaja. Ich lese Ihnen die Verse 28-31 aus Kapitel 40 vor:

28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Soweit die Worte des Jesaja. – Ich möchte den letzten Vers, der mir besonders wertvoll ist, aus diesem Abschnitt herausgreifen und heute darüber zu Ihnen sprechen. Er lautet: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Dieser Vers hat es mir sehr angetan, weil er uns so viel Mut und Hoffnung gibt. So soll es doch eigentlich sein, dass wir aus dem Glauben an Gott heraus immer wieder neue Kraft und neuen Mut schöpfen. So ausgerüstet können wir froh und beschwingt durchs Leben gehen. Nichts kann uns schrecken.

Als ich den Vers zum ersten Mal las, da war ich noch ein junger vor Kraft strotzender Mann mit gerade einmal 21 Jahren auf dem Buckel. Ich hatte damals keine Zweifel, dass ich von Gott immer die Kraft bekommen würde, die ich brauche. Seitdem sind jetzt gut 30 Jahre vergangen. In der Zeit habe ich ein siebenjähriges Theologiestudium hinter mich gebracht. Ich habe meine Frau kennen gelernt, wir haben geheiratet und vier Kinder bekommen, die wir nun großgezogen haben. Und ich habe schon über zwanzig Jahre Erfahrung in meinem Beruf als Pfarrer gesammelt, insgesamt in acht verschiedenen Gemeinden. Ich habe unzählige Menschen durch Freud und Leid, durch Hoch-Zeiten und Krisen hindurch begleitet. Noch während meines Studiums ist meine Mutter schwer erkrankt und viel zu früh gestorben. Vor zwei Wochen mussten wir meinen Vater nach 15jähriger Demenzerkrankung zu Grabe tragen. Wir haben viel Leid erlebt und durchlitten, finanzielle Durststrecken durchlebt und viele innere und äußere Kämpfe durchstritten.

Inzwischen weiß ich, was menschliche Schwäche bedeutet. Und ich weiß aus eigenem Erleben, wie sehr ich selbst an die Grenzen meiner Kräfte kommen kann. Der Glaube macht aus uns keine Stehaufmännchen, die immer nur kraftstrotzend durch Leben gehen und die nichts umhauen kann. Im Gegenteil: Frommer Leistungsdruck kann uns auch innerlich kaputt machen und unsere Zuversicht in Gottes Führung aushöhlen.

In all den Jahren habe ich viel daran lernen müssen, was es bedeutet: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.“ Und ich habe seitdem gemerkt, dass das, was sich so leicht anhört, gar nicht so leicht funktioniert.

Wie ist das also mit der Kraft, die Gott uns zusagt, wenn wir auf ihn vertrauen?

Albert Schweitzer, ein Theologe und Arzt, der lange Zeit in Lambarene wirkte und dort viel Zeit und Kraft für Gott einsetzte, sagte einmal: „Kraft macht keinen Lärm. Sie ist da und wirkt.“

Da ist etwas Wahres dran. Kraft ist einfach da und wirkt. Mir geht es oft genug so und viele von Ihnen werden das auch schon einmal erfahren haben: Wenn man schwere Zeiten durchgemacht hat, dann wundert man sich im Rückblick oft, woher man die Kraft dafür genommen hat. Das Geheimnis liegt darin, dass Gott uns immer die Kraft gibt, die wir gerade brauchen, um den nächsten Schritt zu gehen. Christen sind keine Energiespeicher voll bis an den oberen Rand, sondern wir leben vielmehr tagtäglich aus der Kraft Gottes. Warum das so ist, das hat Dietrich Bonhoeffer einmal so formuliert: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir sie brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.“

Als Christen leben wir in der Gefahr, dass wir uns auf uns selbst, und nicht auf Gott verlassen. Wenn etwas gut gelaufen ist, dann sagen wir doch gerne: „Das haben wir gut gemacht.“ – Das ist ganz menschlich und vielleicht auch nicht einmal falsch. Wir sind stolz auf das, was wir gut gemacht haben. Im Glauben müssen wir aber lernen, Gottes Wirken in unserem Leben zuzulassen. Gott will sein Reich mit uns und durch uns bauen. Und er will, dass wir uns dabei auf ihn verlassen und nicht aus uns selbst leben und handeln.

Wenn ich Kraft im Überfluss habe, dann schöpfe ich aus meiner Kraft und verbuche jeden Erfolg auf meiner Habenseite. Wenn ich aber darauf angewiesen bin, aus Gottes Kraft zu schöpfen, dann bin ich für jeden kleinen Schritt, den ich gehe, Gott umso dankbarer. Das heißt also im Umkehrschluss: Je schwächer ich bin, umso mehr kann ich Gottes Kraft in meinem Leben erfahren.

Jesus Christus sagte einmal zu Paulus, als dieser am Ende seiner Kräfte war: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Und daraufhin schrieb Paulus: „Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.“ Paulus sieht also die eigene Schwachheit als Vorteil an, weil ihr die Chance innewohnt, in der eigenen Schwachheit Gottes Wirken erfahren zu können.

Das verwechseln wir vermutlich allzu oft. Wenn wir meinen, Gott gibt uns Kraft, dann meinen wir, wir müssten selbst stark sein, selbst voller Energie, Willens- und Schaffenskraft sein. Aber das meint die Bibel offensichtlich nicht. Gottes Kraft wird am allermeisten deutlich an denen, die selbst schwach sind.

Jesaja schreibt: Er gibt den Müden Kraft. Und nicht: Er gibt den vor Kraft strotzenden Kraft. Was wir dabei tun müssen, das ist nur eines: Wir müssen auf den Herrn harren. Allein auf Gott vertrauen. Und das ist so so so schwer! Daran scheitere ich immer und immer wieder. Sie auch?

Wir können es aber lernen. Und dazu hat uns Gott etwas gegeben, das uns hilft. Es ist die Stille vor Gott und das Gebet. Martin Luther soll einmal gesagt haben: „Umso mehr er an einem Tag zu tun hat, umso mehr muss er beten.“ Und von Corrie ten Boom stammt der Satz: „Wenn eine Sorge zu gering ist, sie in ein Gebet zu verwandeln, dann ist sie auch zu gering, sie zu einer Last zu machen.“ Also können wir jede Last, die wir tragen müssen, in ein Gebet verwandeln.

Die Kraft Gottes kommt aus der Stille, nicht aus einem frommen Aktionismus. Denn Kraft macht nicht viel Lärm, sie wirkt einfach, wie Albert Schweitzer sagte.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und viel Kraft für die neue Woche. Ihr Pfarrer Jörg Muhm