In Zeiten des Corona-Virus haben wir uns als Kirchengemeinde Karlsdorf-Neuthard-Forst entschieden, unsere Gottesdienste bis auf weiteres auszusetzen. Dennoch wollen wir Ihnen die Möglichkeit geben, auf das Predigtwort zum Sonntag zu hören. Dafür wird uns Pfarrer Jörg Muhm aus den Kirchengemeinden Heidelsheim und Helmsheim seine digitalen Predigten zur Verfügung stellen. Eine Aufnahme der Predigt finden Sie im Internet: www.ekg-heidelsheim.de oder www.ekg-helmsheim.de, auf https://www.youtube.com/channel/UC-0pPS8BrOIstBjZtHeR9qg oder auf Spotify unter „Predigten Jörg Muhm“


Predigt als pdf zum downloaden und ausdrucken: 0405_Markus 14,3-9 II Palmsonntag

Ganz herzlich grüße ich Sie zum Palmsonntag dieses Jahres!

Zuerst bin ich Ihnen ein Versprechen schuldig. In der letzten Predigt habe ich versprochen, Ihnen heute zu sagen, wovon ich mich in der letzten Woche getrennt habe. Und zwar von einer ganzen Kiste voll Büchern und alten Video-Kassetten, die ich schon jahrelang nicht mehr benutzt habe. Außerdem habe ich noch einen ganzen Wäschekorb voll alter Kleidungsstücke aussortiert. War super!

Aber nun zur heutigen Thema: Es geht heute um „Erfüllung durch Hingabe“

 Haben Sie schon einmal echte Erfüllung erlebt? In einer Beziehung? In irgendeiner Situation oder Sache? Ich bin sicher: Sie alle haben das schon erlebt.

Erinnern Sie sich doch einmal zurück! Wie war das? Warum waren Sie erfüllt? Was war das Besondere daran? Was war es, das diese Situation, diesen Menschen oder diese Sache von allen anderen unterschieden hat?

Fällt Ihnen eine solche Situation ein? Jeder von Ihnen wird jetzt etwas anderes vor Augen haben. Der eine vielleicht die erste große Liebe. Eine andere vielleicht einen glücklichen Moment in der Familie oder die Geburt eines Kindes. Wieder jemand anderes von Ihnen hat jetzt vielleicht eine erfolgreiche Situation im Berufsleben vor Augen oder irgendwelche schöne Urlaubserinnerungen.

Es werden ganz unterschiedliche Situationen sein. Aber egal, an was sie denken, eines wird Ihnen allen gemeinsam sein: Sie werden alle an etwas denken, wo Sie Hingabe gelebt haben.

Denn Hingabe ist eine unbedingte Voraussetzung, um Erfüllung zu erleben. Wer sich für etwas oder für jemanden ganz und gar hingibt, der erlebt in seiner Hingabe erfülltes Leben.

Ich habe es oft mit meinen Kindern erlebt: Wenn ein Kind gelangweilt herumsaß, dann erlebt es keine Erfüllung und keinen Sinn. Wenn ich dann aber zu meinem Kind sagte: „Komm, wir bauen jetzt etwas Tolles zusammen aus Lego.“ Dann konnten sie stundenlang mitbauen, haben Ideen und entwickeln ungeahnte Kräfte. Und am Abend saßen sie dann erfüllt beim Abendbrot und sagten:

„Gell, Papa, das war heute echt super, wo das Schiff aus Lego gebaut haben.“

Wenn wir Erfüllung erleben wollen, dann braucht es unsere Hingabe. Und je mehr wir uns an etwas hingeben, umso mehr werden wir Erfüllung erleben.

Ich möchte Ihnen heute eine Geschichte von einer Frau vorlesen, die sich ganz und gar hingegeben hat. Ich lese Ihnen den Predigttext für den heutigen Palmsonntag vor: Markus 14,3-9:

3 Als Jesus in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. 6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Diese Frau beeindruckt mich auf unbeschreibliche Weise. Sie trägt nach dem Evangelisten Markus keinen Namen. Was mich aber an der Frau beeindruckt, auf welche Weise sie unbedingte Hingabe gelebt hat. Das ist für mich unfassbar.

Diese Frau kaufte für eine unvorstellbare Geldsumme das reinste kostbarstes Salböl, um Jesus etwas Gutes zu tun. Sie kaufte eine Alabasterflasche, kein Tongefäß. Über dreihundert Denare bezahlte sie dafür. Dabei war ein Denar der Tageslohn eines Arbeiters. Sie gab also ein ganzes Jahresgehalt für dieses Öl aus. Unvorstellbar. Wer würde das von uns tun?

Das Salben mit Öl war damals ein Brauch, der in unterschiedlichsten Situationen Bedeutung hatte. Bei reichen Menschen zur Körperpflege nach einem Bad. Oder Könige und Priester wurden bei ihrer Einsetzung mit kostbarem Öl gesalbt. Gäste eines Hauses wurden damit geehrt, dass sie mit duftendem Öl gesalbt wurden. Und Salböl wurde auch bei der Einbalsamierung von Toten benutzt.

Allem aber ist eines gemeinsam: Salbungen mit kostbaren Ölen waren immer ein Zeichen dafür, dass man sich oder anderen etwas Gutes tun wollte. Es drückte Wohlwollen aus.

Und nun kam diese Frau und hatte ein ganzes Alabasterfläschchen voll kostbarstem und wohlriechendem Nardenöl. Und sie nahm nicht nur einige Tropfen des Öls, um Jesus Haupt zu salben, sondern zerbrach das ganze Fläschchen und goss alles über seinen Kopf. Welch eine Hingabe hat diese Frau damit gezeigt? Wie groß muss ihre Liebe zu Jesus gewesen sein? Welche Bedeutung muss Jesus in ihrem Leben gewonnen haben?

Das ist Hingabe: Eine Liebe, die sich ganz und gar verschenkt, nicht nur tröpfchenweise.

Aber damit nicht genug. Die Frau hat nicht nur materielle Hingabe und Opferbereitschaft gezeigt. Nein! Sie hat sich selbst für Jesus hingegeben. Sie hat ihr eigenes Ansehen, ihre persönliche Integrität aufs Spiel gesetzt, um Jesus ihre Liebe und Hingabe zu zeigen.

Malen Sie sich diese Situation nur für einen Moment aus. Es war eine reine Männergesellschaft, in welche die Frau sich hinein traute. Das war damals so üblich, wenn Gäste empfangen wurden. Die Frauen dienten am Tisch oder aßen separat. Doch diese Frau hat den Mut aufgebracht und sich vor Männergesellschaft bloßgestellt. Es war ihr so wichtig, zu Jesus zu kommen, dass sie nicht mehr warten wollte.

Ich kann mir gut vorstellen, wie plötzlich alles verstummte, als sie hineinging, wie die Männer dalagen und bei sich dachten: „Was will denn die da?“ Und ich kann mir denken, wie manche leise, aber in der Stille unüberhörbar über die Frau zu nuscheln anfingen.

Die Frau aber tat, was sie sich vorgenommen hatte, trotz der Stille, trotz der Blicke der Männer, trotz dem Nuscheln über sie. Sie zerbrach das Fläschchen und goss es über den Kopf von Jesus. Und prompt wurde sie beschuldigt: „Welch eine Verschwendung! Welch ein Frevel! Das Geld wäre doch besser für die Armen gewesen.“ So etwas wagt nur ein Mensch, der völlige Hingabe lebt. So etwas tut keiner, dem die äußere Etikette oder das Gerede der anderen noch wichtiger ist.

Hingabe bedeutet auch immer ein Stück Unvernunft. Wer vernünftig über die Situation nachdenkt, der denk so wie die Männer bei Tisch. Es ist unvernünftig. Und wenn schon, hätten ein paar Tropfen gereicht. Aber echte Hingabe ist verschwenderisch und Unvernünftig. Sie schenkt sich ganz und gar. Jesus spürt Ihre Liebe und erkennt ihre Hingabe. Er wendet sich ihr zu und würdigt sie vor allen anderen: Nicht der Rechtgläubigen wird man gedenken, wenn das Evangelium in aller Welt gepredigt

wird. Sondern an diese Frau, die so viel verschwenderische Liebe und Hingabe gezeigt hat.

Und Jesus sah in ihrer Handlung noch eine tiefere Dimension. Denn sie hatte die Salbung für sein Begräbnis vorweggenommen. Als nämlich Jesus starb, legte man ihn in der Zeitnot vor dem Sabbat ins Grab, ohne ihn nach damaliger Sitte eingesalbt zu haben. Die Frauen, die Jesus nachfolgten, nahmen sich vor, ihn am Tag nach dem Sabbat zu salben, um ihm die Würdigung aller Toten zu geben. Aber so weit kam es ja nicht mehr. Als die Frauen nämlich zum Grab kamen, war Jesus bereits auferstanden.

Wer sich hingibt, erfährt in der Hingabe Erfüllung. Diese Erfahrung können wir auch in der liebenden Hingabe zu Jesus machen können. An den, der sich aus Liebe für uns selbst verschenkt hat, als er am Kreuz von Golgatha für uns starb.

Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen Gottes Segen! Ihr Pfarrer Jörg Muhm